Schlagwort-Archive: Flucht

Abtauchen

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Abtauchen

Abtauchen: Wir verwenden das Wort meistens in Zusammenhang mit irgendwelchen dubiosen Gestalten, die sich der Polizei oder anderen, ebenfalls dubiosen, Gestalten entziehen wollen. Wir kennen das alles zur Genüge aus zahlreichen Krimis. Wir wissen auch, dass dieses Ansinnen nur dann erfolgversprechend ist, wenn möglichst alle Verbindungen gekappt & liebe Gewohnheiten aufgegeben werden. Kein Handy vor allem! Und dann weg, nichts mehr hören oder sehen!

Manchmal, liebe Leserinnen und Leser, ist es uns auch danach: einfach untertauchen, Abschalten & Ruhe finden, weil die Hektik, das Gezerre, die Anforderungen oder das Genöle um uns herum einfach alles zu viel ist. „Ach, wäre das schön!“, denken sie vielleicht mit einem Seufzer und fahren fort: „aber das geht ja leider nicht…“ – und Ihnen fallen viele Dinge ein, bei denen Sie unverzichtbar sind, wo es ohne Sie einfach nicht geht. Oder sollte das etwa eine Fehleinschätzung sein? Könnte ich doch verzichtbar sein & die Welt würde sich nicht aufhören zu drehen, wenn ich mal untertauche?

Sie wissen, wie die Antwort ausfallen muss (so schwer uns das zuzugeben auch fallen mag): ja, ich könnte eine Zeitlang untertauchen & die meisten würden das gar nicht bemerken.

Die meisten nicht, liebe Leserinnen und Leser, aber Sie & ihre Seele, die bemerken das Abtauchen in eine andere Welt sehr wohl! Sie werden beruhigt und gestärkt – und zurück an der Oberfläche sehen Sie manches mit anderen Augen oder ganz neu.

Einfach mal Abtauchen, in anderen Sphären schweben: Sie müssen dazu nicht bis ans Meer, keine weite Reise ist dafür nötig! Die Ruhe einer Kirche oder die Gemeinschaft beim Singen laden Sie dazu ein. Lassen Sie die Gedanken schweifen, atmen Sie tief und gleichmäßig – & vor allem: kein Handy!

Ihr Th.-M. Robscheit

veröffentlich in der Ausgabe der Thüringer Allgemeinen  vom 18. 02.2017

Gott begegnet im Fremden?!

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Gott begegnet im Fremden?!

„Wieder so ein Gutmenschenreden über Flüchtlinge!“, werden Sie, liebe Leserinnen & Leser, vielleicht denken oder sich trotzig wundern: „Mir ist Gott noch gar nicht begegnet!“
Und ein Engel? Ist Ihnen schonmal ein Engel begegnet? Im rechten Augenblick die schützende Hand, das richtige Wort, das sonnengleiche Lächeln?
Warum sollte Ihnen dann nicht auch Gott selber begegnen? In der Bibel wird von einigen solcher Begegnungen berichtet. Mose & der brennende Dornbusch, Jakob, der mit Gott kämpft oder Abraham, bei dem Gäste vorbeikommen.

Bei aller Unterschiedlichkeit ist diesen Erzählungen eines gemeinsam: Gott kommt im Unbekannten, im Fremden. Bei aller Nähe, ist und bleibt Gott uns auch immer ein Stück fremd, so wie fremde Menschen unter uns.

Lassen sie sich auf das Fremde ein, vielleicht bei den Passionsandachten jeden Samstag 18:00. In den Andachten werden wir uns mit dem Bild „Gott begegnen im Fremden“ des aus Südafrika stammende Künstler Azariah Mbatha befassen. Es handelt sich um das authentische Zeugnis eines Künstlers, dessen eigener Lebensweg von Erfahrungen in der Fremde gezeichnet ist.

Ihr Th.-M. Robscheit
Februar 2016

Passionsandachten 2016

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Passionsandachten 2016

Auch in diesem Jahr sind Sie jeden Samstag, 18:00 zur Passionsandacht in die Martinskirche Apolda eingeladen. In den Andachten werden wir uns mit dem Bild „Gott begegnen im Fremden“ beschäftigen.

Der aus Südafrika stammende Künstler Azariah Mbatha schuf die Vorlage für das MISEREOR-Hungertuch aus dem Jahre 1994 – einen Linolschnitt. Er gab dem Bild den Titel: „Gott begegnen im Fremden“. Es handelt sich um das authentische Zeugnis eines Künstlers, dessen eigener Lebensweg von Erfahrungen in der Fremde gezeichnet ist.

Bereits im Januar des vergangenen Jahres hatten Past. Dr. Böhm & Pfr. Robscheit das Passionstuch für 2016 ausgewählt. Durch die politischen Ereignisse des letzten Jahres hat dieses Tuch für uns eine nicht vorhersehbare Aktualität bekommen. Das Tuch setzt sich mit Flucht & Fremdsein auseinander.  Wenn sie mehr über das Tuch und dessen theologische Aussage wissen möchten, können Sie auf der Seite „Misereor Hungertuch 1994“ weiterlesen.

 

Die einzelnen Andachten werden von verschiedenen Gruppen der Gemeinde inhaltlich und musikalisch gestaltet.

 

 

Mitmenschlich in Thüringen – Brief der Bischöfin an die Gemeinden

Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

Liebe Schwestern und Brüder in den Kirchengemeinden!

Die Situation in unserem Land hat sich in den vergangenen Wochen verschärft. Seit meinem letzten Brief an Sie im September scheint die Spaltung in unserer Gesellschaft noch größer geworden zu sein: Viele Menschen, auch in unseren Kirchengemeinden, engagieren sich für hier ankommende Flüchtlinge, leisten unkompliziert und bis an die Grenzen der eigenen Kraft Hilfe, leben eine großherzige Willkommenskultur. Mit großer Dankbarkeit lässt mich all das denken an die Worte Jesu im Evangelium des Reformationstages: Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Zugleich wird auf unseren Straßen offen Hass und Gewaltbereitschaft demonstriert: Menschen gegenüber, die in unserem Land Schutz suchen, aber auch gegenüber denen, die sich für Hilfe- und Schutzsuchende einsetzen. Das ist bedrückend und alarmierend. Ich frage mich: Welche grundlegenden Werte für ein Zusammenleben in einer friedlichen, demokratischen Gesellschaft sind jetzt besonders wichtig – unabhängig von politischen oder religiösen Überzeugungen, verbindlich und tragend für alle?
In diesen Tagen hat sich im Freistaat Thüringen ein breites Bündnis zusammengefunden, das einen grundlegenden Wert in den Mittelpunkt stellt: Mitmenschlichkeit. Unter der Überschrift „Mitmenschlich in Thüringen“ tritt dieses breite Bündnis aus allen Teilen der Gesellschaft ein für ein Thüringen der Demokratie, Vielfalt und Mitmenschlichkeit. Die Erklärung dieses Bündnisses, die ich als Erstunterzeichnerin ausdrücklich unterstütze, füge ich diesem Brief bei. Die Regionalbischöfin und die Regionalbischöfe im Thüringer Bereich sowie zahlreiche weitere Vertreterinnen und Vertreter unserer Kirche unterstützen ebenfalls als Erstunterzeichner diese Erklärung und das Bündnis.
Für den 9. November ruft das Bündnis um 18 Uhr zu einer Kundgebung auf dem Erfurter Domplatz auf. Ich bitte Sie herzlich, diese Erklärung und den Aufruf zur Kundgebung in Ihren Gemeinden bekannt zu machen und zu unterstützen. Bitte nehmen Sie an der Kundgebung am 9. November teil. Thüringen braucht ein starkes öffentliches Zeichen für Demokratie und Mitmenschlichkeit. Ich bitte Sie herzlich, dazu beizutragen, gerade an diesem Tag, an dem vor 77 Jahren Hass und Gewalt über Mitmenschlichkeit triumphiert haben! Gerade an diesem Tag, an dem vor 26 Jahren der friedliche Einsatz für Demokratie, Vielfalt und Mitmenschlichkeit zur Überwindung trennender Mauern und einem neuen Miteinander geführt hat! Treten wir heute als Kirche, als Kirchengemeinden und als einzelne Christinnen und Christen gemeinsam mit anderen für Mitmenschlichkeit, Vielfalt und Demokratie ein – im Namen der Barmherzigkeit, die Jesus verkündigt und gelebt hat!

Mit herzlichen geschwisterlichen Grüßen bin ich Ihre

Ilse Junkermann

Landesbischöfin
der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Erklärung Mitmenschlich in Thüringen
Mitmenschlich in Thüringen: Brief an die Gemeinden 9. Nov.15

EKM – Pressemeldung: Mitmenschlich in Thüringen

Das Land, wo Milch und Honig fließen…

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Das Land, wo Milch und Honig fließen…

Mit dieser Verheißung, liebe Leserinnen und Leser, beginnt unsere auf Wanderung begründete abendländische Kulturgeschichte im Morgenland. Der Aufbruch ins gelobte Land durch zahlreiche Entbehrungen. Ganz unterschiedlich können die Motive sein, der Traum vom besseren Leben, der in den letzten Jahrzehnten viele unserer Nachbarn bewogen hat, hier ihre Zelte abzubrechen und westwärts zu ziehen. Oder die Flucht vor Krieg, Misshandlung oder Tod. So wie bei jener Frau, nennen wir sie Maria.
Marias Eltern hatten sich bemüht, dass aus ihr etwas besseres als „nur“ Bäuerin wird. Sie sollte Lehrerin werden. Dann der Krieg, fremde Soldaten, nur durch Glück und einen leisen Schlaf ist sie nicht misshandelt worden. Flucht, innerhalb von Stunden ging es los. Erst in die eine Richtung, dann wieder zurück. Zwischen den Fronten, wieder in der Hand der Feinde. Dann Zwangsarbeit, schließlich ein Lichtblick. Endlich in Deutschland, Thüringen. Doch hier nur angefeindet: „Diese Habenichtse!“
Hier ganz unten, niedere Arbeiten; aber wenigstens ein Dach über dem Kopf, kein Krieg. Maria konnte wieder schlafen.
Siebzig Jahre ist das jetzt her. Maria hat geheiratet, Kinder bekommen & in der Landwirtschaft so verlässlich gearbeitet, dass sie jetzt noch dafür Anerkennung erntet. Maria ist dankbar; aber sie wird wohl nie vergessen wie es ist, als Heimatlose herumgetrieben und ungewollt zu sein.
Ich frage mich manchmal, ob es ihr wohl gelungen ist, dieses Gefühl auch an ihre Enkel und Urenkel weiterzugeben – und die damit verbundene Menschlichkeit.
Das Land, wo Milch und Honig fließen, es ist nicht an einem bestimmten Ort, sondern dort wo Menschen ihre Menschlichkeit bewahren. Lassen Sie uns unsere Heimat so ein Land sein!

Ihr Pfarrer Th.-M. Robscheit

April 2015

Schwalben

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Liebe Leserinnen und Leser,

man möchte es kaum glauben, der Herbst schickt seine ersten Vorboten!
„Was soll denn das jetzt werden?“, fragen Sie sich. „Es ist brütend heiß, die Sommerferien haben gerade begonnen, der ganze Urlaub liegt noch vor uns! Dieses Gerede vom Herbst, nasskalt und ungemütlich. Das wollen wir jetzt nicht hören!“
Sie haben Recht. Ich will Ihnen auch nicht den Appetit verderben. Der Sommer ist richtig schön warm, Badewetter. Und trotzdem: der Herbst schickt seine ersten Boten. Gestern habe ich sie gesehen, bei uns auf dem Hof, auf dem Korb des Baskettballspieles saßen sie: sechs flügge gewordene Schwalben. Später haben sie ihre Kreise gezogen, am Abend flogen sie wieder in unsere Garage und machten ihren üblichen Dreck.
Es wird nicht mehr lange dauern und sie sammeln sich auf Telefonleitungen und kehren uns den Rücken, machen sich dorthin auf den Weg, wo es genügend Nahrung gibt. Mich überfällt Wehmut, wenn ich daran denke, dass dieses sonnige Wetter dann vorbei sein wird.

„Jetzt hören Sie aber auf! Wir wollen das jetzt nicht hören! Es ist doch gerade alles so schön! Und außerdem wissen wir ja, dass es nicht immer so weitergehen wird.“ – mit diesen Worten, die Sie jetzt vielleicht gedacht haben, werden immer wieder die Mahner und Propheten zur Ruhe gebracht. Unangenehme Wahrheiten wollen wir nicht zur Kenntnis nehmen. Und schon gar nicht, wenn wir womöglich an ihnen selber Schuld sind. Immerwieder hören wir die Stimmen, die mahnen, es muß auf dieser Welt gerechter zugehen, es kann nicht sein, dass wir hier wie die Maden im Speck leben (und das trifft auf fast jeden legal in Europa Lebenden zu!) und gleichzeitig verhungern oder verdursten Menschen auf dieser Welt. Flüchtlinge, die zu Hunderten vor Spanien stranden (und wir können nur erahnen, wie viele Kinder, Frauen und Männer auf dem Weg durch die Sahara oder deren Randgebiete verdurstet sind). Wir wollen das nicht sehen, weg mit ihnen! Wir verdrängen, diese Boten kommenden Unheils. Filme wie „Der Marsch“, in denen genau das vorhergesagt wurde, ignorieren wir geflissentlich, wie soll man sein Gewissen sonst wieder beruhigen?
Hin und wieder nehmen wir wahr, wie egoistisch wir leben, haben heilig Abend ein schlechtes Gewissen und manche von uns spenden wenigstens 100,- oder 200,- €, damit irgendwo eine Hoffnungspflanze keimen und wachsen kann. Doch dann ist uns das Hemd wieder näher als die Jacke. „Ist doch weit weg.“, damit verdrängen wir die unterschwellige Angst, die uns zu befallen droht. Doch die Bedrohung unserer Lebensweise kommt näher und näher. Ein wirklich explodierender Ölpreis würde für viele von uns bedeuten, im Winter frieren zu müssen. Doch das will keiner hören, schließlich ist Sommer und wir leiden unter der Hitze!
Wehmütig beobachte ich die Schwalben, wenn´s hier immer unwirtlicher, kälter und eisiger wird, fliegen sie nach Süden, dorthin, woher die Armut nun zu uns drängt.

Ihr Thomas-M. Robscheit; Pfarrer in Kapellendorf
Juli 2007