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Zwiebelmarkt

This entry is part 44 of 84 in the series geistliches Wort

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser, ein besonderes Wochenende steht bevor: Zwiebelmarkt.
Nun steht der Apoldaer Zwiebelmarkt sicherlich im Schatten seines großen Bruders in Weimar, aber dafür müssen wir auch nicht mit einem weltfremden Vorurteil leben:
Vor einigen Jahren war mein damals 18 jähriger Sohn Benny bei Jugendlichen in Bayern. Natürlich kam die Frage auf die Herkunft. Kapellendorf war unbekannt, aber Weimar hatte man schon mal gehört. „Ich bin da auch schon gewesen!“, rief einer: „Dort ernähren sich die Menschen fast nur von Zwiebeln, selbst der Kuchen wird daraus gebacken! Ich habe das selber gesehen!“ Benny hat gelacht und die Sache richtig gestellt; aber eigentlich ist das auch traurig. Wie kann ein fast erwachsener Mensch auf solchen Humbug kommen? Doch dann die Frage: Geht uns das manchmal genauso? Entwickeln wir selber die abstrusesten Vorurteile, weil wir Zusammenhänge nicht begreifen und Hintergründe nicht kennen? Wie richtig oder falsch sind unsere Vorstellungen von Syrern oder bei uns lebenden Minderheiten? Lachen die vielleicht über unsere Ansichten wie wir über die des bayrischen Jungen? Oder weinen sie über unsere Begrenztheit?

Ihr Thomas-M. Robscheit

April, April

This entry is part 14 of 84 in the series geistliches Wort

„April, April!“; wie oft haben Sie diesen Satz am Dienstag gehört? Wie oft ist es Ihnen gelungen, andere in den April zu schicken?
In den vergangenen Jahren habe ich mich oft schon Tage vorher gefreut und mir möglichst unglaubwürdige Dinge ausgedacht um dann meine jeweiligen Chefs hinters Licht zu führen. So habe ich eine Kirche schon mal vor Jahren an einen Zirkus als Winterquartier für teures Geld vermietet; hatte einen neuen Bischof gewählt, ein Kloster in Kapellendorf wieder gegründet und mit dem Vorverkauf der Eintrittskarten für den 24. 12. begonnen. Sie kennen wahrscheinlich das innerliche Schmunzeln, wenn man solchen Humbug erfolgreich an den Mann bzw. die Frau gebracht hat. Wenn man förmlich im Gesicht den inneren Kampf des Gegenübers sieht: „Kann man im Winter in der Kirche Elefanten unterbringen, wenn man mit der Miete das Dach sanieren könnte?“ Sie kennen das.
Aber in diesem Jahr war alles anders. Mir ist nichts eingefallen! Die Scherze waren mir entweder zu platt; oder -und das kam häufiger vor- ich konnte sie selber nur traurig finden! Wir erleben Zeiten, in denen der größte Schwachsinn möglich scheint, so dass es gar keine Kunst wäre, damit jemanden einen Bären aufzubinden! Was ist verlässlich? In der Landes- oder Bundespolitik wird jedes Jahr eine neue Sau durchs Dorf getrieben: Hüh und Hott; Stückwerk allenthalben: Sie können die Bildungspolitik; Gesundheitswesen oder die Pendlerpauschale betrachten. Selbst Reformen, die Erfolge gezeigt haben wie Agenda 2010, werden -weil sie natürlich schmerzen- der nächsten Wahl wieder geopfert. Es entsteht der Eindruck, dass jeder nur bemüht ist, sein Pöstchen zu sichern und in die eigene Tasche zu wirtschaften. Die Zeiten, in denen man selbstverständlich sein Amt zur Verfügung gestellt hat, wenn im eigenen Verantwortungsbereich grobe Fehler gemacht wurden, scheinen endgültig vorbei zu sein. Heutzutage ist es wohlfeil, nicht zuständig zu sein, wenn Banken Millionen und Abermillionen vergeuden.
Nicht anders als in der „großen Politik“ ist es auch beim einfachen Mann (das wollen wir allerdings nicht so gerne wahrhaben). Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung werden mit den Worten „die wollen das ja so!“ entschuldigt. Das Engagement für das Gemeinwohl verteilt sich auf immer weniger Schultern; viele sind nicht bereit über den eigenen Kirchturm hinaus ins Nachbardorf zu sehen, geschweige denn dorthin zum Gottesdienst zu gehen.
Worüber soll man da scherzen? Das wäre doch nur Sarkasmus!
Während ich so im Gram über die Zeiten und den Egoismus der Menschen liege, lese ich die Losung für den heutigen Samstag und finde mich wie so oft darin wieder: „Der HERR sprach: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“. Sie kennen die Geschichte: Gott ist ärgerlich, weil die Menschen gottlos & egoistisch geworden sind. Er beschließt sie außer einer Familie in einer Flut umkommen zu lassen; nur Noah und seine Angehörigen überleben mit einigen Tieren in der Arche. Aber am Ende der Geschichte akzeptiert Gott den Egoismus des Menschen, was jedoch nicht heißt, dass er ihn gut findet! Vielmehr beruft er immer wieder Einzelne, die gegen den Strom schwimmen, die sich aufopfern und die Umstände und Sachzwänge nicht akzeptieren wollen. Die ganze Bibel ist voll solcher Menschen.
Und wenn ich jetzt so darüber nachdenke, was in den letzten 3.000 Jahren alles gewesen ist, wird mir klar, dass unsere Zeiten gar nicht so schlecht sind. Auch jetzt gibt es Menschen, die in Weimar bunten Protest zeigen, die aufrichtig sind und oft große Nachteile zugunsten der Allgemeinheit auf sich nehmen. Vielleicht hätte ich mir doch einen Aprilscherz ausdenken sollen; vielleicht, dass die sunnitische Glaubensminorität „Weimaerer Land“ e.V. angefragt hat, ob sie nicht eine der wenig besuchten Kirchen als Gebetsraum nutzen dürfe. Nur: vielleicht ist das gar kein Scherz?! – wer weiß?
Ich wünsche ihnen ein Wochenende, an dem Sie allen Widrigkeiten zum Trotz scherzen und aus tiefstem Herzen lachen können.
Ihr Pfarrer Th.-M. Robscheit aus Kapellendorf

April 2008