Schlagwort-Archive: Trauerfeier

Terror und Schmerz

This entry is part 73 of 84 in the series geistliches Wort
Terror und Schmerz

 

„Soll man sich jetzt an den Terror gewöhnen?“, diese Frage, liebe Leserinnen und Leser wird angesichts der Ereignisse gestellt. „Werden Ungerechtigkeit, absichtlich zugefügtes Leiden und egoistische Willkür denn niemals aufhören?“ Dabei hatten doch alle gehofft, jetzt würde endlich eine friedlichere Zeit anbrechen, noch vor wenigen Tagen wurde laut gejubelt, jetzt steht man am Grab. Völlig sinnlos, unschuldig zu Tode gekommen. Die Freunde Jesu waren verzweifelt. „Müssen wir uns an den Terror gewöhnen?“, fragen sie. Ja, das mussten sie. Es brach kein Friedensreich auf dieser Erde an. Über die Jahrhunderte bis in unsere Tage werden Menschen niedergemetzelt von Verblendeten, Egoisten, Größenwahnsinnigen und Ignoranten. In Kriegen, Anschlägen und imperialen Strukturen. Oft schauen wir weg, verstecken uns oder wollen das Elend nicht wahrhaben. Den Jüngern ging das damals ebenso, nur wenige haben den Schmerz getragen und sind am Kreuz geblieben.

Doch trotz allen Schmerzes, aller Trauer, aller Unsicherheit und aller Angst sind sie nicht verzagt, denn sie haben erfahren, dass das Leben stärker ist als der Tod, dass Ideale nicht durch Gewalt vernichtet werden können und die Idee einer friedlichen und gerechten Welt trotzig aus jedem Trümmerhaufen mit neuer Kraft hervorbricht.

Diese österliche Lebenskraft wünsche ich Ihnen gerade angesichts des Schmerzes dieser Welt

 

Ihr Th.-M. Robscheit
Karfreitag 2016

 

Der Beitrag erschien am Karsamstag 2016 in der Thüringer Allgemeinen, Ausgabe Weimarer Land

Was kommt nach dem Tod?

This entry is part 68 of 84 in the series geistliches Wort
Was kommt nach dem Tod?

Liebe Leserinnen & Leser!

„Was kommt nach dem Tod?“, diese Frage beschäftigt uns um den Ewigkeitssonntag, oder wie viele auch sagen: Totensonntag, herum besonders. Welche Antwort geben wir uns selber, wie reagieren wir auf die Frage von Kindern? Kaum ein Vater wird auf die Frage seines Kindes, wo denn nun die verstorbene Oma sei antworten: „Die haben wir erst verbrannt, dann die Asche in eine kleine Dose gefüllt und diese vergraben.“ Keine Mutter wird ihren Sohn versuchen zu trösten: „Der Opa liegt im Sarg, zwei Meter tief eingegraben, dort kann er in Ruhe verrotten!“ Sondern die Antwort läuft fast immer darauf hinaus zu sagen, die Oma sei jetzt im Himmel und schaue auf ihr liebes Enkelchen hinab. Paradoxerweise wird dieses Bild auch von eigentlich Nichtgläubigen verwendet! Der Gedanke dahinter: wenn ein Mensch stirbt, kommt unmittelbar darauf seine Seele in den Himmel.
Jesus ist da anderer Meinung (Joh. 5,24ff).
Es ist keineswegs so, dass der Tod ein seeliges Tuch des Vergessens über unser Handeln im Leben breitet. Alles was wir tun oder lassen hat Folgen, manchmal nebensächlich, schnell vergessen, manchmal sehr weitreichend. Immer werden wir dabei auch schuldig werden.
Wir haben keinen Anspruch auf ein schönes Leben & auch nicht auf den Himmel danach!

Beides kann uns nur geschenkt werden; so ernsthaft sollte man auch zu seinen Kindern sein.

 

Ihr Th.-M. Robscheit

November 2015

Tod

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„Die Einschläge werden dichter!“, mit diesem Satz beschreiben manche Menschen recht hilflos eine beängstigende Erfahrung, die die meisten in ihrem Leben machen: die Geburtsjahre der Menschen, die sterben lieben immer näher an dem eigenen; auch nimmt scheinbar die Anzahl der Menschen, die man kannte und die sterben zu. Beängstigend ist das, besonders dann, wenn man den Verstorbenen gut kannte, aber wiederum nicht so eng mit ihm verbunden war, dass man vor Trauer halb blind ist. Der Tod stellt die Frage nach dem Leben.
Der Tod. Oft verdrängt, aber manchmal holt er uns in unserem Alltag ein und erschüttert ihn. In dieser Woche war bzw. ist das bei mir besonders intensiv. In ganz unterschiedlichen Zusammenhängen stand dieses Thema plötzlich im Raum. Bei der Trauerfeier eines überraschend verstorbenen Freundes heute sowieso, aber auch als Mike Nych und ich zusammengesessen und den Kantatengottesdienst für Sonntag vorbereitet haben. Eine der möglichen Lesungen ist die Auferweckung des Lazarus. In der Erzählung wird ein Wunder beschrieben: Jesus erweckt einen Toten. Das ist natürlich positiv gemeint! Was nicht in der Bibel steht: was sagt denn Lazarus dazu? Er war auf dem Weg ins Paradies und muss ins irdische Leben zurück – um später irgendwann dennoch zu sterben! Was ist das: unser Leben? Wofür sind uns die Zeit auf dieser Erde gegeben? Womit soll ich die Tages füllen, damit sie sinnvoll sind? Letztlich muss das jeder für sein Leben selber herausfinden; nur leer sollten sie nicht bleiben!
Bei der Trauerfeier heute hat der Pfarrer der Trauergemeinde einen wichtigen Satz mit auf den Weg gegeben: „Leben Sie jeden Tag so, als wäre es der letzte und vergeuden Sie ihn nicht!“

Ihr Th.-M. Robscheit

Oktober 2013

Trauerfeier

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Liebe Leserinnen und Leser,
Am Wochenende werden mit Ernst angesichts der Verstorbenen, um die wir trauern, Gräber besucht. Wir Christen erwarten das ewige Leben, warum sind wir traurig? „Ja, soll eine Trauerfeier etwa lustig sein?!“, werden Sie mich fragen. Nicht lustig, aber fröhlich! Ich habe das schon erlebt! Es ist viele Jahre her. Eine alte Frau war gestorben, die Kinder und Enkel haben den Leichnam drei Tage aufgebahrt und Totenwache gehalten. In dem mit Kerzen geschmückten Raum war immer irgendeiner aus der Familie da. Jeder konnte so ganz persönlich Abschied nehmen. Dann am dritten Tag habe ich die Familie abgeholt und wir sind mit dem Sarg in die Kirche gezogen. Die Trauerfeier war auf eine befreiende, im Wortsinn wunderbare Weise sehr würdig – und fröhlich.
„Es hat nicht jeder die innere Größe, so Abschied zu nehmen!“, werden sie mir entgegnen. Und zum Teil muss ich Ihnen auch recht geben, aber eben nur zum Teil. Es ist eine Frage der Einstellung, ob eine Trauerfeier mit einer Tasse Kaffee „schnell noch hinterher“, abgehakt wird, oder ob die Hinterbliebenen dem Verstorbenen eine FEIER ausrichten. Das ist weniger eine Frage des Geldes, als vielmehr, ob man sich Gedanken macht und das Schmerzliche des Abschieds, der immer auch Abschied von einem Teil des eigenen Lebens ist, zulässt und durchlebt. Wir haben eine lange Tradition von Riten, die helfen, eine Trauerfeier würdig zu gestalten. Predigt, Gebet, Musik und Gesang (!) gehören dazu und auch der Leichenschmaus. Wahrscheinlich hat es jeder von Ihnen schon erlebt, wie dann das Leben den Tod zurückdrängt:: es werden lustige Geschichten erzählt.
Eine Bitte zum Schluss: Wenn Sie „Abschied ist ein scharfes Schwert“, zum Abschied spielen wollen, achten sie vorher auf den Text und überlegen sich, ob es das ist, was Sie Ihrem Verstorbenen mit auf den letzten Weg geben wollen.
Ihr Th.-M. Robscheit

November 2011

„Verdammt lang her, verdammt lang“

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„Verdammt lang her, verdammt lang“, manchmal kommt Musik, die ich in meiner Jugend gehört habe, mir wieder zu Bewußtsein. Ich nehme die Platte (so alt bin ich nun schon, daß ich noch Schallplatten besitze) aus dem Regal. Erinnerungen. BAP 1984 „Von drinne noch drussen“. Heiß begehrt damals. Schon eine Ewigkeit seitdem vergangen. „verdampt lang her“, wie Niedecken singt.
Ohne daß die Platte läuft entstehen Melodie und Text in meinem Gedächtnis, ja selbst das ganz typische Knistern vermeine ich zu hören. So lange her. Ich lese die Titel und bleibe am letzten hängen: “Ahn ´ner Leitplank”.
Ein zu bunter Blumenstrauß neben der Leitplanke, Rest von Sand kaschieren die Ölspur. Verkehr pulsiert als wäre nichts geschehen. 1984. Wie alt mag der Fahrer des verunglückten Wagens gewesen sein? 18, vielleicht auch zwanzig. Ein kurzer Aufschrei damals, den niemand gehört hat, eine Sekunde Unaufmerksamkeit und all die Jahre, die uns heute von 1984 trennen, gab es für diesen Mann nicht mehr. Jäh abgerissen die Pläne, ausgeträumt der Traum vom erfolgreichen Gitarristen; zerplatzt wie eine Seifenblase: die Wolke auf der er mit seiner Freundin kuscheln wollte. Verwaist die Eltern; allein die Kumpel, denen er ein verläßlicher Freund war. Er wäre heute 38 Jahre, hätte vielleicht selber Kinder. Würde sich Sorgen um deren Ausbildung machen und wäre unruhig, wenn sie abends erst spät nach hause kommen. Vielleicht wäre er gar nicht Gitarrist geworden, sondern Zimmermann oder Bäcker. Vielleicht hätte die Wende ihn in die Politik verschlagen oder er würde in Afghanistan helfen. Vielleicht wäre er ein guter Vater gewesen, vielleicht hätte er kaum Zeit für seine Familie. Vielleicht. Möglichkeiten eines Lebens, die mitten in der Nacht an einer Leitplanke 1984 endeten.
„Er hatte doch das ganz Leben noch vor sich!“ Fassungslos müssen wir immerwieder hinnehmen, daß Menschen zu früh sterben, Lebensfäden abgerissen werden, Träume und Möglichkeiten des Lebens plötzlich ausradiert sind. „Verdammt lang her, verdammt lang!“ Ich selber als Jugendlicher. Welche Tagträume: Schriftsteller, Schauspieler, Journalist oder Herausgeber einer Zeitung! Und jetzt, fast zwanzig Jahre später? Auch in meinem Leben sind Träume und Möglichkeiten verschwunden. Nicht zerschellt an einer Leitplanke, sondern im langsamen Fluß der Zeit versunken. Geopfert oder über Bord geworfen. Man muß sich entscheiden!
1984 in einer regnerischen Nacht: „er hatte doch sein Leben erst noch vor sich!“. – Aber was hatte er dann hinter sich? Ich atme, spüre wie kalte Luft aus dem geöffneten Fenster in meine Lungen strömt, merke eine Kraft in meiner Brust: Ich lebe! Und plötzlich ist mir klar: Nicht die Länge gibt einem Leben Sinn, sondern die Tiefe.

Th.-M. Robscheit, November 2003