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Abtauchen

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Abtauchen

Abtauchen: Wir verwenden das Wort meistens in Zusammenhang mit irgendwelchen dubiosen Gestalten, die sich der Polizei oder anderen, ebenfalls dubiosen, Gestalten entziehen wollen. Wir kennen das alles zur Genüge aus zahlreichen Krimis. Wir wissen auch, dass dieses Ansinnen nur dann erfolgversprechend ist, wenn möglichst alle Verbindungen gekappt & liebe Gewohnheiten aufgegeben werden. Kein Handy vor allem! Und dann weg, nichts mehr hören oder sehen!

Manchmal, liebe Leserinnen und Leser, ist es uns auch danach: einfach untertauchen, Abschalten & Ruhe finden, weil die Hektik, das Gezerre, die Anforderungen oder das Genöle um uns herum einfach alles zu viel ist. „Ach, wäre das schön!“, denken sie vielleicht mit einem Seufzer und fahren fort: „aber das geht ja leider nicht…“ – und Ihnen fallen viele Dinge ein, bei denen Sie unverzichtbar sind, wo es ohne Sie einfach nicht geht. Oder sollte das etwa eine Fehleinschätzung sein? Könnte ich doch verzichtbar sein & die Welt würde sich nicht aufhören zu drehen, wenn ich mal untertauche?

Sie wissen, wie die Antwort ausfallen muss (so schwer uns das zuzugeben auch fallen mag): ja, ich könnte eine Zeitlang untertauchen & die meisten würden das gar nicht bemerken.

Die meisten nicht, liebe Leserinnen und Leser, aber Sie & ihre Seele, die bemerken das Abtauchen in eine andere Welt sehr wohl! Sie werden beruhigt und gestärkt – und zurück an der Oberfläche sehen Sie manches mit anderen Augen oder ganz neu.

Einfach mal Abtauchen, in anderen Sphären schweben: Sie müssen dazu nicht bis ans Meer, keine weite Reise ist dafür nötig! Die Ruhe einer Kirche oder die Gemeinschaft beim Singen laden Sie dazu ein. Lassen Sie die Gedanken schweifen, atmen Sie tief und gleichmäßig – & vor allem: kein Handy!

Ihr Th.-M. Robscheit

veröffentlich in der Ausgabe der Thüringer Allgemeinen  vom 18. 02.2017

Zeit

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Liebe Leserinnen und Leser,

selten ist mir Zeit so erfüllt vorgekommen, wie in den letzten beiden Wochen. Dass am Dienstag erst das Fußballspiel war, erscheint mir so weit weg, als wären seitdem Wochen vergangen. Sonst haben wir immer den Eindruck, die Zeit rase nur so dahin, aber die Tage seit Ostern sind nach meinem Empfinden langsam vom Morgen in den Abend gereift um nach einer erholsamen Nacht wieder in einen frischen Morgen zu münden.
Wieso das so war? Weil ich nicht versucht habe, möglichst viel in dieser Zeit unterzubringen, keine Termine, keine e-Mails, kein Telefon, stattdessen haben wir uns ohne konkretes Ziel durch Bayern treiben lassen, hier einen Campingplatz gefunden, dort ein Kloster besichtigt, sind gewandert und Boot gefahren. Hatten Sonnenbrand und Regen erlebt. Sieben Tage nur; im Alltag hätte ich sie fast nicht bemerkt, doch so war es wertvolle Zeit im Überfluß.
Das wünsche ich Ihnen auch an diesem Wochenende: verlassen Sie das für Sie Übliche und gehen Sie auf eine Reise & dafür reicht schon ein Bahnticket zum nächsten oder übernächsten Bahnhof, ohne Rückfahrkarte!

Ihr Th.-M. Robscheit

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen

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Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe? – so eine Zeile aus einem Psalm, einem über 2500 Jahre alten Gebet. Wer in den Bergen wandert wenn bedrohliche Wolken heranziehen und die Horizonte grollen, der kann diesen ängstlichen Blick verstehen. Das Wetter kann in den bergen schnell umschlagen und doch sind viele Menschen dort gerne. Das Wandern in den Bergen ist anstrengend, vom Radfahren gar nicht zu reden, und doch nehmen viele diese Strapazen freiwillig auf sich! Warum?
Ich glaube, liebe Leserinnen und Leser, weil die Berge unser menschliches Leben widerspiegeln. Schnell und unvorbereitet können dunkle Wolken aufziehen. Man kann versuchen, mühelos im Tal und damit in der Enge zu bleiben oder man kann Herausforderungen annehmen und die Berge erklimmen. Anstrengend ist das, immer aufs Neue mit Hindernissen verbunden, aber man wird mit unglaublich geweitetem Blickfeld belohnt und mit dem sehr guten Gefühl, etwas erreicht zu haben.
Ich wünsche Ihnen dieses Gefühl, wenn Sie auf einen Tag, ein Jahr oder ein ganzes Leben zurückblicken.

Ihr Th.-M. Robscheit

August 2013

Herzlich Willkommen

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Wir hatten´s gut im Urlaub: so zwischen 15 -20°C, gelegentlich Regen. Hört sich komisch an, liebe Leserinnen und Leser. Wer ist schon dankbar für regnerisches, kühles Urlaubswetter? Nun ja, in diesem Jahr war das nicht verkehrt.
Das ist schon eigenartig mit uns Menschen: regnet es, fragen wir, wann mal wieder richtig Sommer ist (man denke an den Mai), ist dann Sommer, warten wir schon fast auf den feuchten Herbst…und vom Winter wollen wir gar nicht erst reden.
Aber davon wollte ich gar nicht schreiben, sondern Ihnen von einem Urlaubserlebnis berichten. Wir waren in Schottland unterwegs, unser Quartier war in einem ganz kleinen Dorf. Am Sonnabend sind wir zur Kirche gegangen um nachzusehen, wann denn Gottesdienst ist. Es war überraschend, dass jeden Sonntag 10:00 Gottesdienst ist (davon können unsere Dörfer ja nur träumen!). Berührt hat mich aber ein großer Zettel im Schaukasten, auf dem zu lesen stand, dass man ganz herzlich willkommen sei.
Wir sind am nächsten Tag kurz vor zehn zu der kleinen Kirche gegangen, am Eingang wurden wir von einer Kirchenältesten freundlich begrüßt, wo wir her kämen und wie lange wir bleiben würden und Entschuldigung für das schlechte Wetter.
Als wir Platz genommen hatten, drehte sich eine Frau um, auch sie begann gleich ein Gespräch mit uns, fast selbstredend begrüßte uns auch der Pfarrer zu Beginn des Gottesdienstes. Im Anschluß wurden wir zum Kirchenkaffee und dann auch noch zum Mittagessen eingeladen. Der Besuch bei dieser Kirchgemeinde war für uns ein ganz besonderes Erlebnis, trotz aller Sprachprobleme haben wir so auch die Menschen in einen fremden Land, ihre Sorgen & Hoffnungen kennen gelernt. „Sie sind ganz herzlich willkommen!“ – ja, das stimmte. Wir hatten fast den Eindruck, dass es für die kleine Gemeinde gar nichts wichtigeres gab, als andere zu sich einzuladen und gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Ich wünschte mir, dass auch unsere Kirchen und Gottesdienste so freundlich Fremde auf nähmen.
Aber, liebe Leserinnen und Leser, das ist nur eine Seite der Medaille. Hätten wir uns von der Einladung nicht ansprechen lassen, hätten unser Zaudern, Fremdes zu wagen und vielleicht nicht alles zu verstehen, nicht überwunden, hätte es diesen Sonntag mit seinen wichtigen Eindrücken nicht gegeben! Man muss sich auch auf den Weg machen!
Ich wünsche mir, dass wir lernen, ebenso einladend zu sein wie die Schotten und ich möchte Sie ermutigen, sich auch auf Unbekanntes einzulassen, sei es hier oder in der Fremde.

Ihr Pfarrer Th.-M. Robscheit, der sich über das sonnige Wetter in Thüringen jetzt richtig freut.

Juli 2010

Urlaub

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Liebe Leserinnen & Leser,
ist es Ihnen auch schon einmal so gegangen, dass Sie den Eindruck hatten, in einer anderen Welt zu leben? So als wären Sie jemand ganz anderes? Oder nein: Nicht als wären Sie jemand anderes, sondern, Sie würden ein anderes Leben leben mit anderen Freuden und anderen Problemen? Mir geht es im Moment gerade so!
Ich sitze vor meinem Zelt, leicht säuselt der Wind, das Meer rauscht, vor mir steht noch die leere Espressotasse. Seit zehn Tagen habe ich weder Nachrichten gehört noch eine einzige e-Mail gelesen, geschweige denn geschrieben! Selbst diese Zeilen schreibe ich nicht wie gewohnt am Computer. Alles ist anders und doch bin ich der selbe! Weder die Kirchrechnung von Hammerstedt noch die anstehenden Malerarbeiten in Kapellendorf bewegen mich derzeit. Dafür denke ich darüber nach, wo ich Trinkwasser bekomme & wann wir das Zelt abbauen und weiterziehen werden, oder wie sich das Wetter entwickeln könnte. Gleichzeitig ist alles, was in Kapellendorf wichtige Realität war, weit weg, verschwommen nur und fast unwirklich. Und das, liebe Leserinnen & Leser, ist gut so! Der Abstand vom Alltag weitet unseren Blick für eine uns umgebende Welt, die weit größer ist, als das was tagtäglich in unser Bewusstsein dringt! Wieviel unserer Umgebung nehmen wir vor lauter Routine und Stress gar nicht war? Das Wasser kommt wie selbstverständlich aus der Leitung, bei Regen gehen wir ins trockene Haus usw.! Mit unseren Gewohnheiten ist es nicht anders: ohne Nachrichten oder ständigem e-Mail Kontakt dreht sich die Welt nicht weiter, denken wir manchmal, aber im Urlaub können wir erleben, dass es auch ein Leben jenseits unserer Alltagsroutine gibt.
Nun möchte ich nicht darüber lamentieren, ob das mit unserem Alltag nun gut oder schlecht ist, sondern den Blick auf etwas anderes lenken: Selbst im Urlaub rutschen uns ganz vertraute Dinge in eine fast unwirkliche Ferne ohne das sie an „Wirklichkeit“ verlieren. Nur für uns sind sie weit weg. Genauso ist das mit unserer religiösen Wirklichkeit: Gott, unser Leben nach dem Tod, alles oft ganz weit weg, wir nehmen es meistens nur schemenhaft wahr; dennoch ist es genauso Wirklichkeit wie Dinge unseres Alltages, an die wir gerade kaum denken.

Ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen gelingt hin und wieder Ihren gewohnten Trott zu verlassen, damit sich Ihr Blick für die unvorstellbare Vielfalt unserer irdischen Realität weitet und Ihr Herz offen ist für die noch größere Welt Gottes.
Ihr Pfr. Th.-M. Robscheit, derzeit am Strand

Juli 2009

Thomas & Michael

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Liebe Leserinnen und Leser,

Thomas und Michael treffen sich. Der eine, Thomas, wirkt etwas gestresst, hektisch. Fast ist es so, als warte er bereits auf das nächste Handyklingeln. Michael ist ganz anders. Er hat auch ein Handy, aber er weiß nicht wie man damit umgeht, außer zum Telefonieren. Mailbox, Internet oder mms sind für ihn Fremdworte.
Die beiden treffen sich nun. Thomas um wenigstens eine Kleinigkeit zu essen. Da ist ihm jenes Straßencafé gerade recht. Es liegt auf dem Weg und frische Luft soll ja gesund sein. Michael sitzt schon seit Stunden dort, beobachtet die Leute, liest ein Buch, und lässt sein Gehirn ein bisschen zum Spaß nachdenken. Sein Hab und Gut passt in zwei kleine Plastikkisten.
Thomas setzt sich zu Michael an den Tisch, dieser fängt sofort ein Gespräch an. Schnell stellt sich heraus, dass die beiden Welten trennen. Michael hat weder gestern noch vorgestern noch überhaupt in den letzten Tagen ferngesehen, Thomas dagegen ist nervös, wenn er nicht stündlich zumindest im Radio Nachrichten hört. Thomas überprüft auch stündlich sein e-Mail Postfach; Michael hat so was auch, einmal pro Woche sieht er nach; das meiste ist sowieso Müll. „Stimmt!“, muß Thomas zugeben; trotzdem schaut er ständig nach, man könnte ja was verpassen.
Die beiden sitzen nun auf ihren Stühlen, trinken Espresso, schauen schweigend auf den Markt.
Wissen Sie, liebe Leserinnen und Leser, was das eigenartige ist? Die beiden sind eine Person! Nicht Thomas und Michael, nein Thomas-Michael. Zumindest im Urlaub geht es mir jedes Mal so, dass ich vom Thomas zum Michael werde, dabei genauso gut und fröhlich lebe. Und jedes Mal bemühe ich mich, ein bisschen von diesem Lebensgefühl dann wieder in den Alltag zu retten. Aber der Schreibtisch hat eine magische Anziehungskraft.
Trotzdem ist der Urlaub, wenn Michael die Oberhand hat, nicht nur eine Episode, nicht nur Kennenlernen eines anderen Landes, Gegend oder Kultur. Nein, das Wichtigste am Urlaub ist, die Erfahrung, dass man auch ganz anders leben kann. Nein, nicht: man, sondern: ich. Allein dieses Wissen, dass der oft ermüdende alltägliche Streß, die manchmal abstrusen Erwartungen, die an einen herangetragen werden, die vielen bürokratischen Belanglosigkeiten, nicht eine Fessel sind, die auf ewig bindet, hilft mit ihnen umzugehen, zu relativieren und auch im Alltag hin und wieder den Thomas in die Ecke zu stellen und mit Michael das herrliche Wetter und die einfachen Freuden des Lebens wahrzunehmen und zu genießen!
So wünsche ich Ihnen auch so ein Alter-Ego, dass ihnen hin und wieder deutlich sagt: Es geht auch langsamer, ruhiger und einfacher und schöner!

Ihr Pfr. Robscheit aus Kapellendorf