Thomas & Michael

This entry is part 24 of 103 in the series geistliches Wort

Liebe Leserinnen und Leser,

Thomas und Michael treffen sich. Der eine, Thomas, wirkt etwas gestresst, hektisch. Fast ist es so, als warte er bereits auf das nächste Handyklingeln. Michael ist ganz anders. Er hat auch ein Handy, aber er weiß nicht wie man damit umgeht, außer zum Telefonieren. Mailbox, Internet oder mms sind für ihn Fremdworte.
Die beiden treffen sich nun. Thomas um wenigstens eine Kleinigkeit zu essen. Da ist ihm jenes Straßencafé gerade recht. Es liegt auf dem Weg und frische Luft soll ja gesund sein. Michael sitzt schon seit Stunden dort, beobachtet die Leute, liest ein Buch, und lässt sein Gehirn ein bisschen zum Spaß nachdenken. Sein Hab und Gut passt in zwei kleine Plastikkisten.
Thomas setzt sich zu Michael an den Tisch, dieser fängt sofort ein Gespräch an. Schnell stellt sich heraus, dass die beiden Welten trennen. Michael hat weder gestern noch vorgestern noch überhaupt in den letzten Tagen ferngesehen, Thomas dagegen ist nervös, wenn er nicht stündlich zumindest im Radio Nachrichten hört. Thomas überprüft auch stündlich sein e-Mail Postfach; Michael hat so was auch, einmal pro Woche sieht er nach; das meiste ist sowieso Müll. „Stimmt!“, muß Thomas zugeben; trotzdem schaut er ständig nach, man könnte ja was verpassen.
Die beiden sitzen nun auf ihren Stühlen, trinken Espresso, schauen schweigend auf den Markt.
Wissen Sie, liebe Leserinnen und Leser, was das eigenartige ist? Die beiden sind eine Person! Nicht Thomas und Michael, nein Thomas-Michael. Zumindest im Urlaub geht es mir jedes Mal so, dass ich vom Thomas zum Michael werde, dabei genauso gut und fröhlich lebe. Und jedes Mal bemühe ich mich, ein bisschen von diesem Lebensgefühl dann wieder in den Alltag zu retten. Aber der Schreibtisch hat eine magische Anziehungskraft.
Trotzdem ist der Urlaub, wenn Michael die Oberhand hat, nicht nur eine Episode, nicht nur Kennenlernen eines anderen Landes, Gegend oder Kultur. Nein, das Wichtigste am Urlaub ist, die Erfahrung, dass man auch ganz anders leben kann. Nein, nicht: man, sondern: ich. Allein dieses Wissen, dass der oft ermüdende alltägliche Streß, die manchmal abstrusen Erwartungen, die an einen herangetragen werden, die vielen bürokratischen Belanglosigkeiten, nicht eine Fessel sind, die auf ewig bindet, hilft mit ihnen umzugehen, zu relativieren und auch im Alltag hin und wieder den Thomas in die Ecke zu stellen und mit Michael das herrliche Wetter und die einfachen Freuden des Lebens wahrzunehmen und zu genießen!
So wünsche ich Ihnen auch so ein Alter-Ego, dass ihnen hin und wieder deutlich sagt: Es geht auch langsamer, ruhiger und einfacher und schöner!

Ihr Pfr. Robscheit aus Kapellendorf

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